Nummer Vierundzwanzig

Grauer Himmel, durchschnittlich kalt, aber immerhin kein Regen. Im Café sitzt mir ein hundartiges Schaf oder ein schafartiger Hund gegenüber und freut sich sehr über die Vielfalt der Gelegenheiten zum Beschnüffeln der Beine arbeitender Menschen, die sich ihrerseits sehr über die Gelegenheit zum Prokrastinieren freuen. Das Geschöpf sieht ein bisschen aus wie Otto von Bismarck.

Ich habe Ferien. Donnerstag war ich, nachdem ich im Waterstones Piccadilly ein Buch gekauft habe, in der Ausstellung im OXO-Tower, die wirklich sehr fein gemacht ist. Außer uns waren noch die „Very Old Skateboarders“, eine Panini-Sammelkarten-Gruppe, Dackelliebhaber und „Love On The Rocks“ da, die Steine bemalen und verstecken, damit Andere diese dann finden können. Ich war mit ein paar Leuten aus dem Quidditchteam da und weil wir noch ein bisschen Zeit hatten, sind wir in Richtung London Bridge gewandert, in deren Nähe wir einen kostenlosen Tischkicker gefunden haben, der natürlich prompt genutzt wurde.

Freitag bin ich dann mit meinen beiden Teamkameraden, die ebenfalls am Turnier teilgenommen haben, nach Coventry gefahren, wo wir uns zuerst die im zweiten Weltkrieg von der deutschen Luftwaffe zerbombte Kathedrale und dann das Museum For Transport angesehen haben, die beide – aus sehr unterschiedlichen Gründen – sehr interessant waren.

Ich war mit einem Freund bei einer Studentin der Warwick-University untergebracht, die ausgesprochen gastfreundlich war. Abends gab es ein Social in einem Pub, zu dem acht Leute, inklusive uns Dreien, kamen. Aber dafür gab es ein Chili für sechs Pfund, was für mich, der ich Londoner Preise gewohnt bin, wie ein Geschenk Gottes anmutete.

Der erste Wettkampftag war einfach nur kalt. Kalt und regnerisch. Ich habe drei Thermohosen, drei Thermoshirts, einen Pullover, das Trikot und zwei paar Socken getragen und trotz dessen war mir kalt. Glücklicherweise gab es geheizte Umkleiden, in die wir uns in der Mittagspause zurückziehen konnten. Samstag haben wir alle Spiele verloren, auch wenn wir nicht unbedingt schlecht gespielt haben. Sonntag ging es gegen die drei anderen schlechtesten Teams von Tag Eins. Auch da haben wir die zwei ersten Spiele verloren. Und weil das letzte Spiel, gegen die HogYork Horntails, absolut keinen Unterschied für die finalen Ergebnisse hatte (die beiden anderen Teams in unserer Gruppe haben ihr letztes Spiel gar nicht erst angetreten), haben wir uns darauf verständigt, das Spiel nicht unnötig ernst zu nehmen.
Von wegen.
Wir lagen nach 15 Minuten 70-30 zurück. Daraufhin hat York nur noch zwischen sich umhergepasst. Wir haben das einfach geschehen lassen. Bis einer unserer Treiber ein bisschen Druck macht, der gegnerische Jäger den Ball ungenau zurückpasst, ich dorthin renne, einer der York-Treiber mich verfehlt, der andere mich ignoriert, ich den Quaffel aufhebe, zu den gegnerischen Ringen renne und ein Tor mache. Zwei Minuten später fängt unser Sucher den Schnatz.
Ein Quidditchspiel endet, wenn der Schnatz gefangen wird. Um zu gewinnen, muss man also 20 Punkte (1 Tor = 10 Punkte) oder weniger Rückstand auf den Gegner haben, wenn das eigene Team den Schnatz fängt, denn der Schnatz bringt 30 Punkte. Wenn man aber den Schnatz fängt und 30 Punkte zurückliegt, geht es in die Overtime. Die dauert fünf Minuten und wer hier den Schnatz fängt oder nach ebendiesen fünf Minuten vorne liegt, gewinnt. Wenn niemand diese Bedingungen erfüllt, beginnt die Double Overtime, in der gewinnt, wer auch immer das erste Tor schießt oder den Schnatz fängt. Und genau das ist passiert. Wir, mit unseren 10 Spielern, von denen sich eine im Spiel verletzen würde, schaffen es also im letzten Spiel, den Zweiten des Northern Cup in die Double Overtime zu zwingen. Und hier passiert jetzt, was schon längst hätte passieren müssen: Beim „Brooms Up“ (dem Anstoß, bei dem alle in die Mitte rennen, um an die Bälle zu kommen), kollidiere ich mit dem gegnerischen Jäger und mache meine Brille kaputt. Die nächsten Minuten muss ich also ohne Brille spielen. Unser Hüter wird dann für ein Foul für zwei Minuten vom Platz gestellt und ich, eine der kleinsten Personen auf dem Feld, kriege das grüne Stirnband des Hüters. In jeder guten Geschichte hätte die Macht, die ich gerne als „Götter der Narrative“ bezeichne, dafür gesorgt, dass wir nach unserer heroischen Leistung durch ein glückliches Tor den Sieg davontragen. Nicht so hier. Die Götter der Narrative waren uns nicht gewogen und nach unserem ersten Angriff kontert York und macht das Tor.
Ich war am Boden, buchstäblich und sprichwörtlich, nachdem ich glücklos versucht habe, den gegnerischen Jäger zu tackeln, und wollte nicht mehr aufstehen. Überhaupt nicht mehr. Doch hier konnte ich wieder sehen, warum ich Quidditch so liebe. In jedem anderen Sport würden sich die beiden Teams nach so etwas missfallen. Nicht aber im Quidditch: Dank den traditionellen Hoch-Rufen, dem gegenseitigen Umarmen und dem ganz und gar nicht traditionellen gemeinsamen Foto, mag ich York nun umso mehr, denn die haben diese Tortur mit uns durchgestanden. Und ich weiß, dass es den Anderen genau so geht.

Danach erschien natürlich alles als gewaltiger Antiklimax. Trotzdem sind selbst nach diesem absolut verrückten Spiel bemerkenswerte Dinge passiert: Eins der Spiele ging bis zum hard limit von 45 Minuten, das eintritt, wenn niemand den Schnatz fängt. Im gleichen Spiel wurde der wahrscheinlich kompetitivste Spieler in Großbritannien, der Kapitän der Raptors, fälschlicherweise vom Platz gestellt, zum ersten Mal in seiner Karriere. Im gleichen Spiel hat ein Schiedsrichter einem Spieler einen Kopfstoß verpasst, weil dieser etwas über seine Freundin gesagt hat. Beide, der Spieler und der Schiedsrichter, bekamen ebenfalls eine rote Karte. Im anderen Spiel wurde ich zum komplett unqualifizierten Schiedsrichterassistenten, weil ich einer der Letzten war, die noch nicht nach Hause gefahren waren und immer noch laufen konnten. Zuerst wurde ich gefragt, ob ich Schnatz sein könne, aber da dieses Spiel das war, das entscheiden würde, wer das Turnier gewinnt, wollte ich nicht das Risiko eingehen, dass mich beide Teams nach dem Spiel hassen, weil ich keine Ahnung habe, was ich tue.
Deswegen habe ich übrigens die Entscheidung getroffen, die Tests als Schnatz und Schiedsrichterassistent abzulegen. Ich habe ja schließlich genug Zeit, um zu lernen.

Morgen bin ich seit einem halben Jahr in London. Und ich will nicht, dass es in fast ebenso vielen Monaten schon vorbei ist.

 

(fast hätte ich 1000 Wörter geschafft. *klopft sich selbst auf die Schulter*)

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Nummer Dreiundzwanzig

Es ist die kälteste Woche des Jahres und ich bin absolut nicht damit einverstanden. Da steht man den gesamten Januar durch und erwartet, dass es jetzt langsam mal wärmer wird. Aber nein: Zwei Grad und Wind. Es regnet zwar nicht, aber das hält mich nicht davon ab, über das Wetter zu nörgeln. Und ja, ich weiß, in Deutschland ist es kälter. Aber davon wird mir auch nicht wärmer.

Wie auch immer. Ich habe das Wochenende bei Emma in Manchester verbracht, genauer gesagt in Marple, einem Vorort, der mit dem Zug ähnlich weit vom Stadtzentrum entfernt ist wie Honor Oak Park von Shoreditch. Marple ist ein sehr schöner, sehr kleiner Ort, der wie ein ziemlich stereotypisches englische Dorf scheint: Kleine Straßen, kleine Häuser, kleine Cafés, große Pubs. Ein kleines Kino gibt es dort auch, das pro Woche einen einzigen Film im Programm hat. Durch den Ort ziehen sich ein Kanal und mit ihm viele, viele Schleusen, die ihm einen leichten Anflug von Müritzegion geben. Als Emma und ich abends noch einkaufen waren, war aber abgesehen von uns niemand auf der Straße, was mich inzwischen sehr ungewöhnlich anmutet.

Der Samstag in Manchester war dann meinem Leben in London schon ähnlicher. Manchesters Stadtzentrum unterscheidet sich nicht sonderlich von den High Streets in London. Dazu kommt, dass mir einige Namen sehr bekannt vorkamen, nicht zuletzt die Bahnhöfe Victoria und Piccadilly. Was ich wirklich mochte, war die Architektur: Es gibt sehr viele viktorianische Gebäude und weniger Stahlglasgebilde als in London. Eines dieser wenigen Monumente der Monotonie ist leider das National Museum of Football. Das tut seinem Innenleben aber glücklicherweise keinen Abbruch; die gewaltige Sammlung von Trikots, Bällen, Karten, Programmen und Momenten in Bild- und Videoform ist beeindruckend. Außerdem gibt es viele interaktive Stationen, die aber leider alle Geld kosten. Nichtsdestotrotz hat es mir dort sehr gut gefallen. Vor allem die Pelé-Ausstellung mit Portraits, Artwork, Filmen und Würdigungen von anderen Größen im Fußball ist fantastisch.

Danach waren wir in einem Café, das gleichzeitig Bücher verkauft. Leider waren die Regale ausschließlich mit Schmonzetten gefüllt. Falls darunter wirklich mal ein versteckter Schatz war, wurde der sicherlich schon von bibliophilen Mancunians mitgenommen. Um das Thema der Bibliophilie fortzusetzen, sind wir nach zwei Runden Scrabble noch in die John Rylands Library gegangen, die im 19. Jahrhundert von der Witwe des Textilfabrikanten gegründet wurde. Dieses wunderschöne, kirchenartige Gebäude ist wirklich einen Besuch wert, einfach um der schieren Menge von Büchern wegen, die man wahrscheinlich tagelang nach bekannten Titeln durchstöbern könnte. Das Beste ist, dass man sich alle Bücher, die in der Bibliothek stehen, ausleihen kann, selbst als Normalsterblicher. Nach der Anmeldung steht einem die gesamte Sammlung offen, vorausgesetzt, man bleibt mit dem Buch im Leseraum der Bibliothek. Wie der geneigte Leser möglicherweise an der Länge dieses Absatzes erkennen kann, der ja im Prinzip nur von einem netten Café und einer mäßig bekannten Bibliothek handelt, begeistert mich das ungemein.

Sonntag ging es dann wieder zurück nach London. Fünf Stunden Busfahrt durch die Midlands vergingen, wie schon am Freitag in die andere Richtung, erstaunlich schnell, dank Football Manager, Büchern, Podcasts und dem Versprechen an meinen Großvater, ihm im Januar einen Brief zu schreiben.

Meine Gastfamilie fliegt morgen früh nach Israel und kommt erst nächste Woche wieder, ich habe also acht Tage sturmfrei. Morgen werde ich mir die Facebook-Ausstellung an der Southbank angucken, in der wir als Quidditchteam auch auftauchen. Die Videos dazu sind auf Facebook, ich hoffe ja immer noch auf ein paar Bilder, auf denen man mich spielen sehen kann. Vielleicht gibt es die ja nach diesem Wochenende in Coventry, von dem ich letzte Woche erzählt habe. Dann nur leider im falschen Trikot.

Nächste Woche passe ich dann Dienstag und Mittwoch auf zwei andere Kinder auf und Donnerstag kommt Nele schon. Nach und nach fallen mir immer mehr Sachen ein, die wir unternehmen können. Dabei ist mir aufgefallen, was ich an London eigentlich am besten finde – nicht unbedingt in dieser Reihenfolge: Das Essen, die Theater und die Museen.

Und Quidditch, natürlich.

Nummer Zweiundzwanzig

Ein bisschen Regen, ein paar Wolken, acht Grad. Nicht übermäßig windig. Das ist annehmbar. Besonders im Vergleich zum Quidditch am Samstag. Das war zwar am Anfang sonnig (weswegen viele Neulinge sich getraut haben, mitzumachen), ist dann aber nach gut einer Stunde zu einer Schlammschlacht geworden. Ich habe fünf andere Au Pairs mitgebracht, von denen es Vieren sogar gefallen hat. Meine Aufgabe ist also getan.

Sonntag war dann sogar noch einmal Training, wobei wesentlich weniger Leute da waren. Am Vortag hatten wir bestimmt um die 30, Sonntag waren es dann nur 11. Das bedeutete, dass wir kein richtiges Spiel spielen konnten, da man ja mindestens sechs Spieler pro Team braucht. Wir haben also mit und gegen die Werewolves of London gespielt, die immer sonntags trainieren.

Ehrlich gesagt gibt es sonst nicht viel zu berichten. Die letzte Woche war, eben weil an beiden Tagen des Wochenendes Quidditch stattfand, ziemlich arm an beschreibungswürdigen Ereignissen. Außerdem spare ich grade ein bisschen, weil die nächsten Wochenenden recht teuer werden. Übermorgen fahre ich nach Manchester, um Emma zu besuchen. Das Wochenende darauf wurde ich eingeladen, für die Tornadoes aus York beim Hateful-8-Turnier in Warwick zu spielen, bei dem die vier besten Teams des Südens gegen die vier besten Teams des Nordens spielen.
Da soll ich wohl Erfahrung sammeln. Wofür genau weiß ich leider noch nicht. Entweder für den British Quidditch Cup mit dem ersten Team, oder für den Development Cup mit dem zweiten Team. Zwar haben wir beim Development Cup ernsthafte Chancen, das Turnier zu gewinnen, nur ist natürlich das Level und die Spielerfahrung beim BQC besser, ganz abgesehen davon, dass BQC in Oxford (2 Stunden Bus für 8 Pfund) stattfindet, während der Development Cup im weit entfernten (und dementsprechend teuren) York ausgetragen wird. Ich weiß also nicht wirklich, was ich bevorzugen würde.

Das soll es also für diese Woche gewesen sein. Entschuldigt die Kürze dieses heutigen Blogposts, mehr geben die vergangenen sieben Tage leider nicht her. Nächsten Mittwoch dürfte ich ein bisschen was aus Manchester zu berichten haben.

Nummer Einundzwanzig

Dreizehn Grad Celsius. Im Januar. Damit komme ich zurecht. Es nieselt zwar ein bisschen, aber das genieße ich, schließlich muss mich ja irgendetwas daran erinnern, dass ich in England bin.

Nicht, dass das letzte Wochenende nicht englisch genug gewesen wäre: Es hat durchgehend geregnet, zwischendurch sogar geschneit, und ausgerechnet an diesem Wochenende habe ich mich entschieden, den Großteil draußen zu verbringen. Am Samstag war ich mit einem anderen Au Pair in Dulwich bei Dulwich Hamlet FC, einem Siebtligisten, der regelmäßig 2000 bis 3000 Zuschauer anzieht. Glücklicherweise hat der Regen während dem Spiel ein bisschen nachgelassen. Wir standen direkt am Spielfeldrand, nur durch einen hüfthohen Zaun und einen Meter Rasen vom Spielfeld getrennt, mit wundervoller Sicht auf technisch erstaunlich gute Fußballer, ein direktes Freistoßtor, eine spektakuläre Rettungstat auf der Torlinie und zwei schrecklich verteidigte Gegentore, die Dulwich letztendlich den Sieg kosteten. Wie verwurzelt der Verein im Viertel ist, zeigt, dass mich der Busfahrer auf meinem Heimweg gefragt hat, wie „The Hamlet“ gespielt habe und dann von meiner Antwort sichtlich deprimiert war.

Wie letzte Woche angekündigt, fand am Sonntag im Graupel und Matsch das Spiel gegen die Reserve der Quidditch-Nationalmannschaft statt. Entgegen meiner Erwartung war es kein Massaker, sondern ein knapper 40-30 Sieg für Team UK. Hätten wir den Schnatz aufs Spielfeld geschickt und nicht nach genau 20 Minuten aufgehört, hätten wir vielleicht sogar gewonnen. Ich muss dazu sagen, dass fast alle Treiber des Extension Squad gefehlt haben, gleichzeitig waren aber auch einige unserer besten Spieler entweder in Spanien beim Team-Spain-Training oder anderweitig verhindert, sodass wir selbst bei voller Stärke beider Teams eine reelle Chance gehabt hätten. Wie auch immer, ich habe ein Tor gemacht, ein paar Mal gut verteidigt und mir trotz dem Matsch und der sehr körperbetonten Spielweise der Gegenmannschaft keine ernsthafte Verletzung zugezogen, Erfrierungen der Hände mal ausgenommen.

„Warst du denn auch bei diesem Lichterding?“, höre ich dich, den geneigten Leser mit Internetzugang, an dieser Stelle fragen. Und ja: Ich war beim Lumiere-Festival, auch wenn ich wohl die beste Lichtinstallation, am Trafalgar Square, verpasst habe. Dafür habe ich fluoreszierende Gießkannen, einen riesigen, schwebenden, leuchtenden Ball über dem Oxford Circus hängen und sich anscheinend wellenförmig bewegenden Rauch gesehen. Außerdem liefen in der ganzen Stadt Gruppen mit leuchtenden Regenschirmen herum. In diesen Gruppen war vielleicht eine Handvoll Choreografen, die vorgemacht haben, wie das Ganze aussehen soll, und gut ein Dutzend Freiwillige, die dann darauf improvisiert haben. Das Konzept finde ich sehr interessant, vor allem, da es fast perfekt geklappt hat: Die Regenschirm-Choreografien waren eins der Highlights (pun intended) des Festivals.

Montag war dann einer dieser berühmten unangenehmen Momente im Leben eines Au Pairs: Der 50. Geburtstag einer der Gastmütter. Das ist natürlich nicht per se unangenehm. Ich hatte ein Geschenk, habe gratuliert und war ganz grundsätzlich ein Ausbund an Freundlichkeit. Die beiden Mütter haben sich den Tag freigenommen, um gemeinsam etwas zu unternehmen. Mein Tag bestand theoretisch nur daraus, die Kinder von der Schule abzuholen, denn um 16 Uhr waren sie schon wieder zurück. Mir wurde angekündigt, dass die Vier abends Essen gehen würden, ich also nicht eingeladen war. Einerseits war ich ein bisschen enttäuscht, andererseits verstehe ich natürlich vollkommen, dass sie gerne mit ihren Kindern zusammen sein würden, da sie sie in der Woche normalerweise nur kurz sehen. Während der Neunjährige mit einer der beiden Mütter beim Taekwondo war, habe ich mit der Sechsjährigen Blinde Kuh gespielt. Nun kommt die unangenehme Situation: Sie fand das Spiel absolut großartig und hatte dermaßen viel Spaß, dass sie mich mit froher Erwartung fragt, ob ich denn mit zum Italiener käme. Ich verneine und sage, dass das ja eher ein Familiending ist. Sie fragt ihre Mutter, ob ich mitkommen könne, die daraufhin etwas sagt, dass ich nicht ganz verstehe und – glaube ich – keine wirkliche Antwort beinhaltete. Ich bin also die restliche Zeit über in diesem Limbo, in dem ich nicht weiß, ob ich jetzt eingeladen bin oder nicht, aber auch nicht wirklich nachfragen will, weil sie ja kaum „Nein“ sagen kann, obwohl sie es vielleicht bevorzugen würde, mich nicht dabei zu haben. Was ich, wie gesagt, durchaus nachvollziehen konnte. Das geht für eine gute Stunde so, bis sie mich zwei Minuten vor Abfahrt fragt, ob ich denn mitkommen wolle. Ich sage genau das, was ich grade geschrieben habe, sie fragt die Sechsjährige ironisch, ob sie mich einladen sollen („Should we take him, I’m not sure…“) und schwupps, ich sitze im Auto, der Neunjährige und die andere Mutter ähnlich überrascht wie ich.
Too long; didn’t read: Jojo macht sich viele Sorgen, wird doch eingeladen, hat einen schönen Abend und ein tolles Beispiel für die merkwürdige Zwischenposition, die man als Au Pair einnimmt.

Ach ja, und wenn jemand wissen möchte, warum ich Journalist werden möchte, guckt „The Post“ („Die Verlegerin“ in Deutschland) und lest diesen Artikel über Andrea Nahles‘ Rede auf dem SPD-Parteitag. Das Erste als Beispiel, wie man die Welt zu einem besseren Ort machen, das Zweite, um zu zeigen, wie man mit einem kleinen Text unzähligen Menschen den Tag versüßen kann.

Nummer Zwanzig

Die Sonne scheint, es sind kaum Wolken am Himmel, aber es ist trotzdem kalt. Außerdem ist es windig. Also noch kälter als es sowieso schon wäre. Aber etwas anderes sollte ich im Januar wohl auch kaum erwarten. In diesem Moment singt mir Die Höchste Eisenbahn „Der Himmel ist blau (Wie noch nie)“ aus meiner Discover-Weekly-Playlist vor. Ein Zeichen? Sollte ich das schöne Wetter vielleicht ausnutzen, solange es noch da ist? Ich fühle mich immer ein bisschen schlecht, wenn ich ein paar Tage lang nichts in London unternehme. Immerhin bin ich nur noch für ein gutes halbes Jahr hier. Gleichzeitig hieße jeden Tag etwas zu unternehmen auch weniger Geld für die Wochenendausflüge zu haben, denn ein Mal in die Stadt und zurück zu fahren kostet fünf bis sechs Pfund, die ich dann halt nicht habe, wenn ich am Wochenende irgendetwas mache. Außerdem koche ich ja oft, was fürs Studium nützlich sein wird, weil ich dann nicht jeden Tag Nudeln essen muss, sondern schon Erfahrung mit etwas schwierigeren Gerichten habe. Und ich blogge. Auch das tue ich ja vor allem, da ich mir beibringen will, ohne Probleme in einen Schreibfluss zu kommen. Fangen wir also richtig mit diesem Blog an.

Natürlich – wie auch sonst – mit Quidditch. Letzten Samstag sind wir nämlich nach dem Training in einen anderen Park gefahren, um dort für Facebook ein paar Videos zu drehen. Das heißt, wir haben auf einer (quasi unspielbaren, weil quasi unter Wasser) Wiese im Flutlicht Quidditch gespielt, während uns ein Kamerateam im Weg stand. Das war einerseits ganz lustig, weil sie oft genug bestimmte Taktiken unmöglich gemacht haben, indem sie beispielsweise direkt hinter einem der Ringe standen. Andererseits war ich nicht besonders begeistert davon, dass sich recht viele unserer Leute für die Kamera mehr angestrengt haben als im Training. Aber vielleicht war das ja nur der Probelauf für nächsten Sonntag. Da spielen wir nämlich gegen das Development Team (also die zweite Mannschaft) von Team UK, der Nationalmannschaft Großbritanniens. Und wenn wir nicht gedemütigt werden wollen, müssen wir schon eine Jahrhundertleistung hervorbringen. Den Bericht unserer 250*-30 Niederlage gibt es dann nächste Woche.

Sowohl Donnerstagmittag als auch Freitagabend war ich mit ein paar anderen Au Pairs in dem Brettspielcafé, von dem ich letzte Woche geschrieben habe. Es ist noch viel besser als ich dachte. Die Auswahl von Spielen ist natürlich enorm, aber auch die Bedienung ist sehr freundlich und hilft beim Entscheiden. Außerdem ist das Essen sehr gut. Und das Beste: Sie spielen Jazz, von Frank Sinatra über Ella Fitzgerald bis Miles Davis. Einfach alles, was ich mag. Dort werde ich sicherlich noch öfter anzutreffen sein. Vielleicht gehe ich da auch mal mit ein paar Leuten vom Quidditch hin.

Da diese Woche Quidditch nur Sonntag ist, habe ich endlich mal Zeit, zu einem Spiel des Dulwich Hamlet FC zu gehen, einem Siebtligisten, der regelmäßig um die 2000 Zuschauer anzieht. Zudem steckt er in immensen finanziellen Schwierigkeiten, also kann es gut sein, dass ich nicht mehr viele Gelegenheiten bekommen werde, „The Hamlet“ anzuschauen.

Morgen geht es noch einmal nach Shoreditch, zum Doughnut und Bagel Essen und Vintageläden durchstöbern. Vielleicht gehen wir sogar noch einmal zu dem Buchladen, in dem ich am Freitag war. Der liegt in Whitechapel und ist wundervoll klein, wundervoll geordnet (nicht nach Genres oder alphabetisch sondern nach Thematik, also beispielsweise „Gesellschaftliche Veränderung“, „Mensch und Maschine“ oder „Kunst und Gesellschaft“) und sehr, sehr freundliches und hilfreiches Personal. Außerdem ist der ganze Raum mit Spiegeln ausgeschmückt, wodurch er viel größer aussieht als er eigentlich ist. Und ich mag es, wenn etwas größer aussieht als es ist.

Nummer Neunzehn

Es ist, wie immer, bewölkt. Aber es regnet nicht. Und besonders kalt ist es auch nicht. Ich sollte mich also wirklich nicht beschweren, schließlich ist es Januar.

Ich muss leider zugeben, dass in der vergangenen Woche nicht besonders viel passiert ist. Beziehungsweise nicht besonders viel passiert ist, von dem ich ausführlich berichten könnte. Mit dem Arsenalspiel (2-2, Ausgleich in der 92. Minute) möchte ich niemanden langweilen, auch wenn es überaus spannend war. Vor allem, da Arsenal komplett die Fähigkeit verloren hat, zu verteidigen. Ein Spielbericht ist an dieser Stelle aber eher unangemessen.

Am Freitag war ich mit einer Freundin in einer Ausstellung über Kunst in der russischen Revolution und der frühen Sowjetunion, die ausgesprochen interessant war. Sowohl die verschiedenen Arten der Verbreitung (Agitprop-Züge, also ganze Züge voll mit Propagandamaterial, Lehrern, Kinos und Büchereien, die durch das ganze Land gefahren sind, weil im Russland der 20er Jahre eine andere Art der Informationsverbreitung natürlich sehr schwierig war) als auch der Wandel von Kriegspropaganda im Bürgerkrieg zu Personenkult und Verfolgung unter Stalin waren faszinierend. Außerdem gab es eine ganze Reihe von Plakaten mit arabischen Schriftzeichen, was noch einmal zeigt, wie riesig dieses Land eigentlich war und wie schwierig es gewesen sein muss, die gesamte Bevölkerung vom Kommunismus zu überzeugen. Danach waren wir in der Tate Britain, die mir persönlich besser gefällt als die Tate Modern, da in der Tate Britain nicht nur moderne Kunst ausgestellt wird, die ich einfach nicht verstehe. Besonders viel kann ich davon aber auch nicht erzählen, nur dass sie auf jeden Fall einen Besuch Wert ist.

Natürlich war Samstag wieder Quidditch, worauf ich mich sehr gefreut habe, denn schließlich hatte ich zu dem Zeitpunkt drei Wochen lang keinen Besen mehr in der Hand gehabt. Abends wollte ich mit zwei anderen Au Pairs eigentlich in ein Brettspiel-Café gehen. Leider waren schon alle Plätze besetzt. Das werden wir dann morgen nachholen. Stattdessen waren wir in Shoreditch Burger essen, was auch schön war. Besonders die Milkshakes in den Burgerläden hier sind absurd gut. Das liegt vielleicht an den drei Kugeln Eis, die da hineingequirlt werden.

Dieses Wochenende babysitte ich die beiden Kinder, die letzte Woche Dienstag da waren, weswegen ich mir ein bisschen Sorgen mache. Solang sie ohne Probleme einschlafen, sollte das aber ein entspannter Abend werden. Ansonsten habe ich noch nichts vor. Irgendetwas sollte sich aber ergeben. Immerhin bin ich in London.

Nummer Achtzehn

Frohes neues Jahr euch! Was für ein wundervoller Zufall, dass der erste Beitrag in 2018 auch gleichzeitig der achtzehnte hier ist. Das Wetter in diesem Jahr ist so ziemlich das Gleiche wie im letzten: Kalt, windig, bewölkt. Inzwischen genieße ich es fast, warm angezogen den Hügel hinauf und wieder hinunter zu laufen, um in diesem Café anzukommen und ein üblicherweise fantastisches Frühstück einzunehmen.

Ich war – wie im letzten Eintrag schon erwähnt – über Weihnachten in Deutschland und habe sowohl den Großteil der Freunde und Familie besucht, die in der Gegend waren, als auch viele, viele Runden des Scheibenwelt-Brettspiels mit meiner Mutter und meinem kleinen Bruder gespielt.

Zu Silvester waren dann mein bester Freund und seine Freundin hier – mit der ich mich darüber unterhalten habe, dass es wirklich merkwürdig ist, dass wir uns Anderen immer in dieser Konstellation vorstellen, obwohl wir doch auch sehr gut befreundet sind. Wir haben ein paar der Sehenswürdigkeiten abgeklappert, die Vintage-Läden in der Brick Lane durchstöbert und verzweifelt am Neujahrstag in Primrose Hill nach einem Café gesucht, das nicht schon um 3 geschlossen hatte. Außerdem wollten wir an Silvester eigentlich auf eine Willy-Wonka-Party gehen, haben diese aber nach ein paar Minuten schon wieder verlassen, da es ein winziger Ort war und wir ausschließlich von wesentlich älteren Menschen umgeben waren. Wir haben also den Großteil der letzten Stunden des Jahres damit verbracht, auf Bahnhöfen herumzustehen und lächerlich kurze Strecken mit dem Zug zu fahren. Dafür konnte man vom Dach des Au Pairs, bei dem wir dann waren, das große Feuerwerk in der City sehen.

Gestern musste ich dann schon wieder arbeiten und hatte gleich den anstrengendsten Tag meiner bisherigen Zeit hier. Zusätzlich zu meinen beiden Gastkindern habe ich noch auf zwei Kinder einer anderen Familie im gleichen Alter aufgepasst. Die Beiden waren von 8.00 Uhr bis 15.00 Uhr da, weswegen rein theoretisch genug Zeit gewesen wäre, ins Horniman-Museum zu gehen, um die Zeit schneller vergehen zu lassen. Der Kleinere hat sich dann aber entschieden, nicht gehen zu wollen, weswegen der Rest der Truppe ziemlich genervt von ihm war, weswegen er wiederum noch sturer wurde. Das Ganze ist dann so eskaliert, dass mein inzwischen Neunjähriger den ganzen Tag wütend auf ihn war und ich stundenlang alle abzulenken versucht habe oder den Kleineren vor den Kissen des Neunjährigen beschützen musste. Ich hätte an die gesamte Situation von Anfang an anders herangehen müssen, um diese acht Stunden nicht zu dem schreienden Chaos eskalieren zu lassen, das es letztendlich wurde: Früher darauf achten, dass der Kleinere in die Spiele integriert wird und aufpassen, dass niemand sich so in den Horniman-Besuch hereinsteigert, dass er zum make-or-break-Moment des Tages wird. Ich selber habe ihn so betrachtet, weswegen es kein Wunder ist, dass die Kinder diese Einstellung übernommen haben. Zusätzlich waren wir alle müde und erschöpft, ganz besonders die Gäste, die vor und nach Weihnachten in Israel bei einem sehr kranken Verwandten waren. Wobei es im Nachhinein bestimmt gut ist, dass ich diese Erfahrung gemacht habe, denn jetzt habe ich wenigstens einige Ideen, wie ich anders an eine solche Situation herangehen kann. Vor allem muss ich (und das kann man jetzt als eine Art Vorsatz für meine verbleibende Zeit als Au Pair betrachten) viel mehr darauf achten, mit welcher Einstellung ich mit den Kindern rede. Besonders, wenn ich den Neunjährigen zum Rausgehen oder seinen Hausaufgaben überreden will.

Außerdem wird ja immer gesagt, dass die Arbeit mit Kindern einem „so viel zurückgibt“. Auch, wenn ich das gestern erstmal als Humbug abgetan habe, war es dann sehr schön zu sehen, wie der Neunjährige mir mehrmals gesagt hat, dass ich auf keinen Fall gehen soll und ich die Familie oft besuchen soll, wenn ich dann irgendwann nach Deutschland zurückkehre, da er wohl gemerkt hat, wie viel Mühe ich mir gegeben habe, ihn trotz seiner Wut ruhig und fair zu behandeln – ohne damit jetzt sagen zu wollen, dass es eine unfassbar großartige Leistung von mir gewesen wäre. Es war das absolute Minimum dessen, was ich in dieser Situation tun konnte.

Und damit hätte ich dann meinen ersten Post in 2018 sogar mit Erfahrungen für andere Au Pairs gefüllt. Es hat ja auch lang genug gedauert.

Diese Woche ist endlich wieder Quidditchtraining und heute ein Arsenalspiel, also bin ich wieder voll im London-Modus. Morgen will ich mit der Sechsjährigen und einer ihrer Freundinnen Muffins backen. Mal sehen, ob das endlich klappt. Was auch immer in der folgenden Woche passiert: Nächsten Mittwoch werdet ihr davon erfahren. Wenn alles gut geht, noch gute sieben Monate lang.

Nummer Siebzehn

Kurze Berichtigung der Nummer Sechzehn: Heute war es mehr London als jemals zuvor, denn zusätzlich zu den neun Grad und den Wolken der letzten Woche hat es auch noch geregnet. Wobei das mal ganz nett ist, denn es bedeutet, dass es nicht mehr so schrecklich kalt wie noch vor zwei Tagen ist. Wir hatten sowohl Montag als auch das Wochenende über Schnee, was für die Kinder natürlich großartig war, aber London mit seinen chronischen Verkehrsproblemen nicht unbedingt zu einer besseren Stadt gemacht hat. Als der Achtjährige und ich am Sonntag zum Imperial War Museum gefahren sind, weil die Gasteltern Zeit und Platz zum Hausputz und Packen brauchten, war das offensichtlich: Wir hatten auf dem Weg zur Bushaltestelle eine Schneeballschlacht (inklusive böser Blicke der Anwohner, weil wir Schnee von den Autos genommen haben), mussten aber auf dem Rückweg 20 Minuten auf einen Bus warten, weil im Schnee der normale Fahrplan nicht funktioniert. Der Kleine, wie er halt so ist, hat natürlich keine lange Hose angezogen – ich habe ihn bisher ein einziges Mal eine Jogginghose und noch nie eine Jeans tragen sehen – und dementsprechend gefroren. Hätte er mal auf mich gehört.

Die vergangene Woche ist von Weihnachtseinkäufen geprägt: Freitag war ich im Barbican, dem British Museum und der Goodge Street, Montag am Piccadilly Circus für Bücher, gestern in Camden und heute in Greenwich. Dementsprechend viel Geld habe ich auch ausgegeben. Aber immerhin bin ich jetzt fast fertig, den Rest bekomme ich in Deutschland. Ich wünschte, ich wäre schon länger in London gewesen, denn ich kenne einfach noch nicht so viele Läden, in denen man schöne, unkonventionelle Geschenke kaufen kann. Trotzdem, denke ich, sind die meisten ganz gut.

Samstagabend war die Weihnachtsfeier des Quidditchteams im Royal Thai Restaurant. Wir haben eine merkwürdige Variante des Wichtelns gespielt, bei der man anderer Leute Geschenke stehlen darf. Dabei sind mir ein Kazoo-Spiel (das ich mir wahrscheinlich kaufen werde, weil es so gut aussah) und ein Mini-Videospielset durch die Lappen gegangen. Am Ende hatte ich dann eine Teekanne, die aussieht wie ein Toaster und dessen Deckel starke Ähnlichkeit zu Toast aufweist. Ich will mich nicht beschweren, ich brauchte eine Teekanne. Außerdem war ich wenigstens nicht einer von denen, die mit einer der zwei Holzeulen oder dem merkwürdigen Holzmann das Wichteln beendet haben. Abgesehen davon wurden Auszeichnungen vergeben und ich habe „Best Rookie“ (bester Neuling) bekommen, worauf ich sehr stolz bin. Es ist schön, endlich einen Sport gefunden zu haben, der mir gefällt und in dem ich nicht komplett unfähig bin. Looking at you, Fußball.

Wir haben natürlich auch Nikolaus gefeiert. Die Familie kannte es vorher noch nicht und der Achtjährige wollte sich auch nicht am Schuheputzen beteiligen, die Sechsjährige dagegen hat das Ganze sehr ernst genommen. Ihre Stiefel waren blitzblank und der Keks und das Milchglas standen sehr akkurat neben der Tür. Die Gasteltern haben den Keks über Nacht sogar angebissen, damit es so scheint, als hätte der Nikolaus etwas gegessen. Natürlich hat sich die Kleine sehr gefreut.

Gestern haben wir außerdem Hanukkah gefeiert. Es gab Kartoffelpuffer und Doughnuts, die zusätzlich zu den Cornflakes, die ich morgens in einem Cornflakes-Café (London halt) gegessen habe und dem Brownie, den es im Café gab, als ich mit dem Kleinen Hausaufgaben gemacht habe, meinen Zuckerbedarf für die nächsten zwölfeinhalb Monate gedeckt haben. Viel mehr, das muss ich ehrlich zugeben, gab es nicht. Wir haben zwei Kerzen angezündet und es wurden Lieder gesungen, aber ich habe kein Wort verstanden, da diese logischerweise hebräisch sind. Damit werde ich mich also nochmal ausführlicher beschäftigen müssen.

Nächste Woche geht es für 10 Tage zurück nach Deutschland. Deswegen werde ich auch mit diesem Blog pausieren, denn das hat dann ja noch weniger mit meinem Jahr als Au Pair zu tun als meine normalen Einträge. Ich sehe euch also alle im neuen Jahr wieder. Frohe Weihnachten euch und hoffentlich rutscht ihr gut ins neue Jahr , wie auch immer ihr das zelebriert. Ich habe nämlich noch keine Pläne. Aber das hier ist London. Irgendwas werde ich schon finden.

Nummer Sechzehn

Hach ja, bewölkt, neun Grad Celsius, nie war es mehr London als heute. Ich gehe mal stark davon aus, dass es, sobald ich das Haus verlasse, anfängt zu regnen. Glücklicherweise kann ich das aber noch ein paar Stunden aufschieben. Momentan warte ich nämlich noch auf das verloren gegangene Gepäck der Gastmutter, die für zwei Wochen in Costa Rica war.

Ich war am Wochenende in einem ähnlich exotischen Ort, dem berühmt-berüchtigten Norwich. Um Quidditch zu spielen, natürlich. Unsere Gegner waren die Norwich Nifflers, ein relativ kleines Team, mit deren Spielern viele von uns befreundet sind. Dementsprechend ging es auch nicht übermäßig kompetitiv zu, wobei das auch daran lag, dass wir ein wenig überheblich an das Spiel herangegangen sind. Die Nifflers haben besser gespielt als wir, aber dank unserer Sucherin haben wir am Ende gewonnen. Dann haben wir die Teams gemischt und noch ein paar Stunden einfach so für den Spaß an der Freude gespielt. Abends saßen dann beide Teams zusammen in der Wohnung des Niffler-Captains. Ich hatte im Vorhinein ein wenig Angst, dass ich zu viel Geld ausgeben würde, aber glücklicherweise hat sich diese Angst nicht bestätigt. Ich kann mir also doch Weihnachtsgeschenke leisten.

Abgesehen davon ist in der Woche nichts passiert, weswegen ich wohl jetzt mal von meiner Arbeit berichten werde. Ich hole die Kinder gegen 3 von der Schule ab und verbringe dann den Tag mit ihnen, bis zum Abendessen, das ich normalerweise vorher schon vorbereitet habe. Beide zeichnen sehr gern, weswegen wir oft „drawing competitions“ veranstalten, bei denen wir alle drei ein Bild zu einem beliebigen Thema zeichnen. Wir hatten schon Raumschiff, Karte eines ausgedachten Landes, Delfinfrühstück und Fortbewegungsmittel in unserem ausgedachten Land, um nur ein paar zu nennen. Wer mich kennt, weiß, dass ich künstlerisch komplett ohne Begabung geblieben bin, weswegen diese Wettbewerbe nicht unbedingt meine Lieblingsbeschäftigung sind. Aber die Kleinen haben so viel Spaß dabei, dass ich es nicht unterbinden werde. Inzwischen hat der Kleine schon eine Karte, das Transportmittel (eine Art Orient Express), eine Stadt (zwischen zwei Bergen, sehr beeindruckend) und das Parlament seines imaginären Landes gezeichnet. Ich hoffe, dass da noch einige Dinge entstehen, denn ich genieße worldbuilding sehr.

Wenn wir nicht zeichnen, spielen wir meistens das „Super Hero Game“, in dem sich jeder drei Superkräfte aussuchen kann und wir dann gegeneinander kämpfen. Hier hat sich einiges entwickelt. Am Anfang hat die Kleine einfach immer alle zu Staub verwandelt. Als sie dann mitbekommen hat, dass das nicht so viel Spaß macht, haben beide sich eine Decke übergeworfen und gesagt, dass ich sie nicht sehen kann, wenn sie unter dieser Decke sind. Außerdem bekomme ich einen Stromschlag, wenn ich die Decke anfasse. Meine Superkraft ist normalerweise der Sitzsack, den ich vor meinen Bauch halte (ich bin ein Super-Sumoringer) und mit dem ich die Kleinen versuche zu treffen. Beide lieben es, von diesem Sitzsack erwischt zu werden, ich kann nicht genau nachvollziehen, warum. Außerdem kann ich ganz ausgesprochen gut kitzeln, was ich auch tue, wenn sie unter ihrer Decke hervorkriechen. Es ist unfassbar, wie lang die Beiden dieses doch eher simple Spiel durchhalten, manchmal für eine Stunde oder länger.

Ich würde gern mehr Brett- oder Kartenspiele spielen. Das Problem daran ist nur, dass der Achtjährige so oft so müde von der Schule kommt, dass er von allem, das die Sechsjährige tut, genervt ist. Spielen ist dann dementsprechend schwer, da er bei jeder noch so kleinen Verzögerung oder einem Regelverstoß wütend wird. Momentan können wir auch nicht in den Park gehen, weil der schon um 17 Uhr zumacht und beide erst ihre Screen Time wollen, bevor wir irgendetwas anderes machen.

Abgesehen davon haben wir auch nicht oft Zeit, etwas Größeres zu unternehmen. Der Achtjährige hat Montags Taekwondo, da ist also ab ungefähr 16.30 Uhr Schluss mit Spielen. Dienstags hat die Kleine ein Kunstangebot bis um 16.30 Uhr. Der Junge und ich sitzen währenddessen in einem Café und machen seine Hausaufgaben, ein unfassbar langwieriger und von zahllosen Verweigerungen und Pausen begleiteter Prozess. Aber der Apfelkuchen ist sehr gut. Mittwochs haben wir dann Zeit; nächste Woche hoffe ich, da Stollen backen zu können. Donnerstags hat der Achtjährige normalerweise Robotics, ein Angebot, in dem er LEGO Mindstorms Roboter baut. Das ist erst um 17 Uhr zu Ende. Nachdem er seine Screen Time hatte, ist es dann schon Abendbrotzeit.

Ich muss mir unbedingt einige Sachen einfallen lassen, die wir nächstes Jahr machen können. Der Achtjährige hat Eisstiele, mit denen wir sicherlich was anfangen können… Und die Wissen-Macht-Ah!-Website hat auch einige gute Ideen.

Nummer Fünfzehn

Es schneit. Ernsthaft. Angeblich sollte es hier ja nicht so kalt wie in Deutschland werden und vor allem sehr, sehr selten schneien. Und jetzt hatten wir hier einfach Schnee und es ist noch nicht einmal Dezember. Außerdem habe ich grad ein Eichhörnchen ohne Schwanz Nüssen aus den Blumentöpfen im Garten ausgraben sehen. Dazu kommt noch, dass dieser Blog an einem Donnerstag statt wie sonst am Mittwoch erscheint und insgesamt ist dies wohl eine der merkwürdigsten Einleitungen in der fünfzehnteiligen Geschichte meines bisherigen Aufenthalts in England.

Wie schon letzte Woche angekündigt, ist Emma am Wochenende von Manchester heruntergekommen. Wir waren im Rök Smokehouse essen, ein Restaurant, in dem alle Hauptgerichte geräuchert werden. Es war ein Triumph. Wenn es nicht so unfassbar teuer wäre, würde ich dort jede Woche essen. Das muss das beste Restaurant sein, in dem ich je gegessen habe.

Danach waren wir in einer Jazz Poetry Jukebox. Also eine Mischung aus Jazzkonzert und Poetry Slam. Die Gedichte waren zu großen Teilen wirklich gut, auch wenn ich besonders bei Gedichten teilweise noch Probleme mit der Sprache habe. Dort war auch ein Mitglied der Barbican Young Poets, bei denen ich mich auch bewerben wollte, aber dann nicht zufrieden mit meinem englischen Gedicht war. Gut so, denn der Standard ihrer Gedichte war unfassbar. Leider ist der Jazz meiner Meinung nach ein bisschen kurz gekommen. Bis auf den Anfang war die Band eigentlich nur Begleitung für die Vortragenden und ich hätte mir ein bisschen mehr gewünscht. Aber insgesamt, besonders für nur 9 Pfund, sehr gelungen.

Samstag war dann natürlich Quidditchtraining und ich habe es geschafft, drei Au Pairs hinzulotsen. Noch besser: Es hat allen gefallen! Ich hoffe, dass sie auch nach den vier kostenlosen Trainings dabeibleiben werden.

Wir waren danach im Winter Wonderland im Hyde Park, ein riesiges, unfassbar volles Weihnachtsmarkt-Freizeitpark-Mischmasch mit, sogar für Londoner Verhältnisse, komplett überteuertem Glühwein, Bier, Bratwürsten und anderen Standard-Weihnachtsmarktsachen. Zusätzlich gibt es alle möglichen Achterbahnen, Free-Fall-Tower und so weiter. Wir haben uns durch alle Süßigkeiten gefuttert, die es da gab und alle waren wirklich, wirklich gut. Genau so wie die Bratwurst. Es war ein wenig, wie wenn man einen deutschen Weihnachtsmarkt noch viel deutscher macht und aufbläht, was nicht unbedingt schlecht ist, aber auf jeden Fall dafür sorgt, dass ich nicht noch einmal hingehen werde. Wobei ich froh bin, dass ich das eine Mal da war.

Um Weihnachtsgeschenke zu finden, waren wir Sonntag in Camden. Das hat natürlich nur eher mäßig geklappt. Weihnachtsgeschenke sind keine besonders gute Ausrede, wenn man eins der Top Ten Tourismusziele in London besuchen möchte. Ich habe trotzdem einige Sachen gefunden, die ich verschenken kann. Natürlich werde ich diese jetzt hier nicht auflisten, aus Geheimhaltungsgründen.

Dienstag habe ich eine Railcard gekauft, durch die ich ein Drittel bei Bahn und off-peak (nicht in der Woche von 6.30 Uhr bis 9.30 Uhr und von 16.00 Uhr bis 19.00 Uhr) Underground-Fahrten spare, was meinem Geldbeutel gut tun wird. Es ist nötig geworden, weil ich mit dem Quidditchteam am Samstag nach Norwich fahre, um dort gegen die Norwich Nifflers ein paar Freundschaftsspiele zu bestreiten. Ohne Railcard wären das 50 Pfund geworden, so, dank einem Sonderangebot, nur 20.

Da ich es gestern nicht geschafft habe, diesen Post hier zu verfassen, kann ich vom Arsenalspiel berichten: Ich war aus Au-Pair-Gründen (die Gastmutter musste zu lang arbeiten) zu spät, habe es aber trotzdem ungefähr 20 Minuten nach Anpfiff und beim Stand von 1-0 gegen Huddersfield Town ins Stadion geschafft. Nach 90 Minuten habe ich zusätzlich vier Tore gesehen, alle in der zweiten Halbzeit in das Tor, dem ich am nächsten war. Alle wunderschön, zwei vorbereitet von Mesut Özil und eins von ihm geschossen. Bei seinem Tor kann man mich vielleicht sogar im Hintergrund erspähen, ich stand sehr nah zum Spielfeld. Nächste Woche dann gegen Borisov, im unbedeutendsten Spiel aller Zeiten, da wir die Gruppe schon gewonnen haben. Mal gucken, wie das wird.