Nummer Sechsundvierzig

Es ist warm, die Sonne scheint und ich wiederhole mich seit Wochen. Es hat mal zwischendurch nachts geregnet, aber in zu vernachlässigenden Mengen. Eines meiner Teammitglieder hat den Rasen in Clapham mit dem in Malaga verglichen. Es ist alles gelb und trocken und staubig, aber immerhin nicht mehr so unerträglich warm wie noch vor einer Woche.

Nicht so unerträglich warm wie zum Beispiel am Freitag, als ich mit 250 000 (zweihundertfünfzigtausend!) Anderen Trump einen wunderbaren Empfang im Vereinigten Königreich bereitet habe. Wunderbar natürlich für all jene, die Rassismus, Sexismus, Nationalismus und Ausbeutung ablehnen und zeigen wollen, dass eine Mehrheit für Toleranz und Gleichberechtigung auf die Straße gehen wird. Dieser Protest war der größte, der je an einem Wochentag in Großbritannien abgehalten wurde. Viele der Plakate waren natürlich ausschließlich Anti-Trump, aber einige Gruppen haben auch dafür demonstriert, Flüchtlinge menschlich zu behandeln, Puerto Rico beim Wiederaufbau zu helfen und ernsthaft Umweltschutz zu betreiben. Die Diversität in der Menge war ebenso beeindruckend: Es waren sehr viele Lateinamerikaner da, Europäer, Briten und Nordamerikaner, sowohl aus Kanada als auch den USA. Während dem Marsch habe ich einen Musiklehrer aus dem Speckgürtel Londons kennengelernt, der es sich zur Aufgabe gemacht hat, alle möglichen Instrumente zu spielen. Dank der Kürzungen im Bildungsbereich muss er an zwei Schulen unterrichten und selbst Privatstunden geben. Das hat mich mal wieder an die Situation an deutschen Musikschulen erinnert, die laut ihm zwar den britischen weit überlegen sind, aber an sehr ähnlichen Problemen leiden.

Heute ist das letzte Mal, dass ich die Kinder von der Schule abhole. Es ist also gleichzeitig das letzte Mal, dass ich die Freunde der Beiden sehe. Die Halb-Australierin, die mir erzählt hat, dass sie ein bisschen australisch spricht (sie betonte mit sehr konzentrierter Mine water wie waderrr). Der Halb-Amerikaner, der genau die gleichen Bücher liest, die ich in seinem Alter auch gelesen habe. Die Halb-Italienerin, die mal vor dem Schlafengehen 30 Minuten mit mir Stein-Schere-Papier gespielt hat. Erst vor ein paar Tagen habe ich festgestellt, dass ich all diese Kinder, mit denen ich ja eigentlich gar nicht viel Kontakt hatte, fast so sehr wie meine Gastkinder vermissen werde, einfach weil sie so zu meinem täglichen Leben dazugehörten und ich sie lieb gewonnen habe, aber – im Gegensatz zu meiner Gastfamilie – wahrscheinlich nie wiedersehen werde. Diese ganzen kleinen Sachen werden mir in den nächsten zwei Wochen wohl noch öfter auffallen. Umso wichtiger ist es aber, dass ich die Tage, die ich noch habe, ausnutze. Dieses Wochenende wird das wohl Theater und Essen bedeuten, also eine gute Zusammenfassung dessen, was ich hier bisher so getrieben habe. Und den Rest der Tage werde ich auch noch füllen können. Immerhin ist das hier London.

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Nummer Fünfundvierzig

Wolken. Wind. Temperaturen unter 30 Grad. Dass ich das noch erleben darf, ist ein Segen. Geregnet hat es zwar immer noch nicht, aber da wir jetzt England-Verhältnisse zurückhaben, sollte das auch demnächst kommen. Nur bitte nicht heute Nachmittag, denn zwei Stunden auf die Kinder im Park zu warten, während ich mit jeder vergehenden Minute einer Lungenentzündung näher komme, ist ganz weit unten auf meiner Liste der Dinge, die ich in London noch vorhabe.

Letzte Woche hat sich der Neunjährige geweigert, zur Forest School zu gehen. Wir standen also eine gute halbe Stunde an der Bushaltestelle und haben diskutiert, warum es wichtig ist, hinzugehen, wie schade es wäre, die vorletzte Stunde Forest School zu verpassen, und wie die Sechsjährige gern hingehen würde, es also ihr gegenüber unfair wäre, nicht zu gehen. Letztendlich lief es darauf hinaus, dass der Neunjährige und ich im Park spielten und die Sechsjährige zur Forest School ging. Wir haben dann unter anderem das Trolley-Dilemma durchgesprochen, was ihm sehr viel Spaß gemacht hat, obwohl er Schwierigkeiten hatte, zu verstehen, dass es keine richtige Antwort gibt.
Wobei mein eigentlicher Punkt in diesem Absatz aber ist, dass dieser Tag mir wieder einmal klar gemacht hat, dass ich auf keinen Fall mein ganzes Leben lang mit Kindern arbeiten möchte: Der Akt, den Neunjährigen wenigstens so weit zu bringen, mit in den Park zu kommen, war unfassbar ermüdend, weil jedes noch so gute Argument an der Wut des Neunjährigen einfach abprallt. Und das ist keine Kritik an ihm – ich bin mir ziemlich sicher, dass ich, wenn ich wütend bin, immer noch ähnlich reagiere -, sondern einfach die Einsicht meinerseits, dass ich damit nicht täglich klar kommen würde. Solange ich aber noch hier bin, muss ich damit umgehen. Und das ist auch keine schlechte Übung.

Am Freitag war ich in der Highgate Cemetery, einem wunderschönen Friedhof, auf dem unter anderem Karl Marx und Douglas Adams begraben wurden. Die gesamte Anlage stammt aus dem viktorianischen London und ist anmutig verfallen. Überall sind verwitterte Grabsteine, teilweise so eng beieinander, dass es unmöglich ist, nicht auf Gräber zu treten. Anscheinend war das aber auch so beabsichtigt, denn die Viktorianer waren viel mehr damit beschäftigt, Platz zu sparen, als die Toten zu ehren. Und ja, dass man, um Karl Marx‘ Grab zu sehen, vier Pfund bezahlen muss, ist durchaus lustig. Wenn man aber bedenkt, dass diese vier Pfund dann zur Erhaltung des gesamten Friedhofes genutzt werden anstatt nur das Grab zu pflegen, das sich viele angucken werden, ist dann schon wieder ein bisschen mehr im Sinne des Erfinders.
Auf dem Rückweg habe ich einen Ferrero-Rocher-Milkshake getrunken, was wahrscheinlich eine der besten Erfahrungen meines Lebens war.

Endlich einmal war ich auch wieder im Theater, in „Translations“, einem Stück, das in Irland Mitte des 19. Jahrhunderts spielte. Es ging um die Zeit, in der die englische Armee das Land vermessen hat und den alten irischen Orten englische Namen gegeben hat. Die Sprachbarriere zwischen den irisch sprechenden Einheimischen und den englischen Soldaten wurde dabei durch den Akzent der jeweiligen Darsteller ausgedrückt. Nur zwei der Iren – zwei Brüder – konnten auch Englisch sprechen, einer von ihnen war Übersetzer für die Armee und der Andere Lehrer an einer Heckenschule. Die Dynamik zwischen den Beiden war unfassbar spannend, genau so wie der Konflikt zwischen Tradition und Fortschritt und der schmale Grat, der getreten werden muss, wenn man eine Kultur nicht essentieller Inhalte wie Sprache oder wenigstens Dialekt berauben möchte. Selbst, wenn das den Engländern zu dem Zeitpunkt vollkommen egal war.

Samstag hat natürlich die englische Nationalmannschaft gespielt. Und gewonnen. Sie sind also ins Halbfinale eingezogen, was natürlich nett ist, aber in Deutschland wohl kaum mehr als ein paar Jubelrufe in der Nachbarschaft ausgelöst hätte. Nun, in London ist das Ganze etwas anders verlaufen. Hier haben Menschenmengen Kreuzungen versperrt, sind auf Busse geklettert, haben Bier in die Luft geworfen und Autos geschüttelt. Das gesamte Land ist grade im Vollrausch und ich will unbedingt wissen, wie sehr es eskaliert, sollte England die WM gewinnen. Ich bezweifle, dass am Montag viele Menschen zur Arbeit gehen würden. Es wird sogar von einem einmaligen nationalen Feiertag geredet, auch wenn das eher Populismus als ernsthafte Idee scheint. Ich werde mich auf jeden Fall in der Innenstadt herumtreiben. Hoffentlich gewinnen sie gegen Kroatien. Und dann gegen Frankreich.

Nummer Vierundvierzig

Es ist warm, sonnig, ein bisschen windig. Wie schon seit zwei Wochen. Das Wetter ist seit zwei Wochen nicht mehr umgeschlagen. Von wegen „wechselhaftes London“, im Moment fühlt es sich an, als hätte jemand vergessen, die Wettersimulation anzuschalten und es bleibt im guten, alten 00er-Jahre-Aufbaustrategiespiel-Stil immer sonnig. Immerhin gibt es die Hell/Dunkel-Simulation noch.

Machen wir es kurz: Die USA sind Weltmeister. Wahrscheinlich sogar verdient. Aber dass Belgien sie im Finale dermaßen fordern würde, war eine riesige – und sehr willkommene – Überraschung. Denn die US-amerikanische Nationalmannschaft hat sowohl den amtierenden Weltmeister Australien als auch Europameister Großbritannien außerhalb der snitch-range (also mit mehr als 30 Punkten Vorsprung, sodass selbst ein snitch-catch das Endergebnis nicht mehr ändern kann) besiegt und so ihre Vormachtstellung wieder einmal unter Beweis gestellt. Dann hat sich aber Belgien im Finale nicht, wie erwartet, auf den Rücken gerollt und den Bauch präsentiert, sondern mit unfassbar aggressivem beater-play den USA einige Probleme bereitet. Zum Verhängnis wurde ihnen dann, dass der Sucher der Amerikaner dieses kleine Stückchen schneller als der Belgier, der snitch ein bisschen zu arrogant war und sich nicht ganz konzentriert hat und dadurch der Amerikaner nach nicht einmal 30 Sekunden die gelbe Socke in der Hand hielt und so den WM-Pokal in das Geburtsland des Quidditch zurückholte. Nichtsdestotrotz war es ein großartiges Spiel, das sich jeder, der auch nur mäßiges Interesse an diesem doch etwas merkwürdigen Sport hat, ansehen sollte.

Und sonst? Sonst habe ich mir das Design-Museum angesehen, das mir wieder einmal gezeigt hat, dass es viel zu viele interessante Felder gibt, von denen ich nie genug wissen werde. Warum sehen Produkte so aus, wie sie aussehen? Welchen Einfluss hat das darauf, wie sie genutzt werden? Welchen Einfluss haben sie auf den Nutzer? Im Moment würde ich gern mindestens sechs Fächer gleichzeitig studieren. Und je mehr ich lese und sehe, desto mehr Ideen für Studienrichtungen bekomme ich. Vielleicht ist die Lösung, einfach weniger zu lesen und zu sehen.

An dieser Stelle muss ich noch kurz erwähnen, dass ich eine Schokoladen-Calzone mit Kinder-Bueno-Füllung gegessen habe. Es war genau so gut, wie es sich anhört.

Besonders viel habe ich, mal wieder, für dieses Wochenende nicht geplant. Endlich findet mal wieder Quidditch-Training statt, das werde ich also nutzen. Und England spielt am gleichen Tag gegen Schweden im Viertelfinale der (Fußball-)WM, was hoffentlich nicht ganz so nervenaufreibend wird wie das Achtelfinale gegen Kolumbien, von dem sich der Neunjährige wohl immer noch nicht erholt hat. Ich will gar nicht wissen, wie müde er sein wird, wenn ich ihn nachher von der Schule abhole.

Ich werde mich Freitag auf den Weg zur Highgate Cemetery machen, dem Friedhof, auf dem Karl Marx begraben wurde. Und Sonntag finde ich bestimmt auch noch etwas. Inzwischen habe ich mir sogar eine Liste mit all den Sachen geschrieben, die ich noch machen möchte.
Der Großteil ist Essen.

Nummer Dreiundvierzig

Ich sitze im Park, es ist warm, die Sonne scheint und ein kleines bisschen Wind bringt dringend notwendige Abkühlung. Überhaupt kann ich mich seit Wochen nicht mehr wirklich über das Wetter beschweren, was ein bisschen merkwürdig ist. Aber gleichzeitig ist es ganz angenehm, während der Forest School einfach im Park sitzen zu können, anstatt im strömenden Regen in Mantel und Schal eingewickelt vom Wind zu einem Café getrieben zu werden.

Neben mir sitzt ein Eichhörnchen in einem Baum und knabbert an einem Chicken Nugget.

Ich fange bei der Erzählung meines Wochenendes mal vorne an, denn es gibt durchaus einiges zu berichten und ich saß grade gut fünf Minuten hier und habe überlegt, wo ich am besten beginne. Also beginne ich in der Victoria Coach Station, in der ich drei Stunden auf Emma gewartet habe, deren Bus sich verspätet hat. So hatte ich die perfekte Möglichkeit, im guten, alten Gedankenfluss alles aufzuschreiben, was mir beim Anschauen der anderen Wartenden, der Reisenden und der Begrüßenden so einfällt. Ich habe zum ersten Mal verstanden, wovon diejenigen reden, die es lieben, auf Flughäfen einfach anderen Leuten zuzugucken.

Nachdem Emma dann endlich angekommen war, sind wir zu der neu errichteten Skulptur von Christo im Hyde Park gegangen, haben diese bewundert und den wahrscheinlich besten Kunstkritiker der Welt sagen hören: „That thing is genuinely big.“

Da sich der Flug einer Freundin aus Deutschland, die gerade in Dublin Au Pair ist, ebenfalls verspätet hat, sind wir vom Hyde Park bis zur Liverpool Street Station gegangen. Und selbst nach diesen 90 Minuten mussten wir noch warten, bis der Zug vom Flughafen endlich London erreichte. Es lief also letztendlich darauf hinaus, um 1 Uhr morgens den Nachtbus nach Hause zu nehmen. Schlaf war also eher wenig zu haben an diesem Wochenende. Denn am nächsten Tag (rein konzeptionell natürlich am gleichen Tag, aber ich mag diese Krümelkackerei nicht) sind wir nach Salisbury gefahren, um uns Stonehenge anzugucken. Ich hätte erwartet, es langweilig zu finden, immerhin sind das nur ein paar Steine in einem Feld. Aber wenn man erstmal da ist und diese Brocken in all ihrer Größe und Schwere und Konstellation sieht, ist der Aufwand, diese Steine dahin zu schleppen, erst richtig fassbar. Vor allem, wenn man bedenkt, dass immer noch nicht klar ist, warum die Steinzeitmenschen  eben diesen Aufwand betrieben haben.

Die gesamte Stadt Salisbury ist wunderschön, unter anderem wegen der größten Pub-pro-Quadratmeter-Dichte Englands, aber auch wegen der Kathedrale, die unfassbar groß ist. Also ganz buchstäblich: Es ist nicht zu fassen, nicht adäquat zu beschreiben, wie riesig dieses Gebäude ist. Außerdem beinhaltet es eine Kopie der Magna Carta, was nicht ganz so beeindruckend, aber immer noch ziemlich interessant ist.

Um etwaige Fragen diesbezüglich vorzubeugen: Ja, wir haben in Salisbury in einem Pub das Deutschlandspiel geguckt. Ja, ich habe gesagt, ich sei emotional nicht besonders in Deutschland investiert. Ja, ich habe trotzdem laut geschrien als Kroos den Ball ins Netz gebogen hat. Und ja, das macht Aussage zwei wenig glaubwürdig und wahrscheinlich unwahr, um nicht zu sagen falsch.

Den Sonntag habe ich mit besagter Freundin aus Deutschland mit einer Sightseeing-Tour verbracht, inklusive London Eye. Ich bin lang nicht mehr so viel durch London gelaufen, was ich wirklich vermisst habe, selbst, wenn ich bis auf das Riesenrad alle von uns besichtigten Sehenswürdigkeiten schon mehrmals selbst gesehen oder betreten habe. Mir bleiben nur noch fünf Wochen, um mein Leben in London auszukosten und genau das will ich auch tun. Noch habe ich aber keine Pläne für das Wochenende, bis auf die Quidditch-Weltmeisterschaft, von der auch Spiele live im Internet übertragen werden. Mein Tipp wäre USA gegen Australien am Samstag, eine Wiederholung des Finales der letzten WM, in dem sich die USA für die knappe Niederlage werden revanchieren wollen.
Was auch immer passiert, ich werde es berichten. Hoffentlich fällt mir etwas ein. Immerhin ist das hier London.

Nummer Zweiundvierzig

Na, das ist ja mal ganz großartig gelaufen: Die Antwort auf die Frage nach dem Leben, dem Universum und dem ganzen Rest steckt im Blogtitel und ich habe kaum etwas zu berichten. Beginnen wir aber, wie immer, mit dem Wetter.

Es ist sehr englisch: Grau, windig, nicht besonders kalt, aber auch nicht besonders warm, wenn man bedenkt, dass wir Juni haben. Vielleicht vergesse ich diese Woche ja mal ausnahmsweise nicht meinen Pullover und kann so während der Forest School im Park bleiben, anstatt tragischerweise im Café ein Stück Kuchen essen zu müssen. Dazu noch ein gutes Buch (The Dispossessed von Ursula K. Le Guin) und eine endlose Liste von Artikeln in ZEIT und Süddeutscher Zeitung, die ich noch lesen möchte, und mein Nachmittag ist perfekt durchgeplant.

Wie anfangs erwähnt, ist am Wochenende nicht besonders viel passiert, das sich zu berichten lohnte. Sowohl Samstag als auch Sonntag habe ich Quidditch gespielt, Sonntag nach dem Training noch ein (vegetarisches) Sunday Roast mit dem Team im Pub gegessen, aber, dank ungünstigem Blickwinkel auf den Fernseher, erst nach Spielende festgestellt, dass Deutschland es wirklich fertig gebracht hat, gegen Mexiko zu verlieren. Überhaupt habe ich bisher ausschließlich die langweiligsten Spiele der WM gesehen: Uruguay gegen Ägypten, Peru gegen Dänemark, Nigeria gegen Kroatien und Ausschnitte von Südkorea gegen Schweden und England gegen Tunesien. Ich hoffe sehr, dass sich die Qualität des Turniers noch steigert. Den 13 Uhr-Slot kann ich schließlich täglich gucken.

Der Neunjährige hat letzte Woche eine Drohne bekommen. Eine von den Billigeren, damit er ausprobieren kann, ob er denn wirklich Spaß daran hat, bevor er zu einem großen Anlass eine teurere Variante bekommt. Ohne mich jetzt damit schmücken zu wollen, es vorhergesagt zu haben, hat er nach zwei Tagen das Interesse verloren. Es ist nämlich nicht ganz einfach, besagte Drohne zu steuern. Er meint natürlich, das liege an der billigen Drohne, die aus Plastik ist und somit nicht stabil in der Luft zu halten sei. Ich habe aber die Vermutung, dass es nicht einfacher ist, die teurere Drohne zu steuern, nur weil sie aus einem schwereren Material gefertigt ist. Ich werde mich demnächst mal daran versuchen, das Ding zu steuern, um es ihm dann beizubringen. Es wäre schließlich eine Schande, wenn er an der teureren Drohne verzweifelt und dann einige hundert Pfund in den Sand gesetzt sind.

Um auch noch etwas Relevantes in diesen doch sehr trivialen Eintrag zu mischen: Ich habe letzte Woche ein Bullet Journal begonnen. Das ist eine Mischung aus Kalender, To-Do-Liste und Notizbuch, die mir sehr geholfen hat, Dinge, die ich mir für den Tag vorgenommen habe, auch wirklich zu erledigen. Und – viel wichtiger – mir überhaupt Dinge für den Tag vorzunehmen. Denn das war mein größtes Problem als Au Pair: Wenn ich mir keinen Ausflug vorgenommen habe, ist mein Tag oft frustrierend unproduktiv verlaufen. Dass dem nicht mehr so ist, liegt natürlich auch an meiner Arbeit als Redakteur für die Quidditch Post und daran, dass ich mich immer mehr um Universitätskram kümmern muss. Aber ohne das Bullet Journal hätte ich viele Aufgaben viel weiter nach hinten verschoben. Mein Tipp für angehende (und angegangene) Au Pairs ist also, sich jeden Tag kleine Dinge vorzunehmen, damit man nicht nur von um 9 bis um 3 zu Hause sitzt und Tunesien gegen Panama guckt. Außerdem ist der Dopaminschub, den das Abhaken einer Aufgabe mit sich bringt, sehr angenehm.

*hakt „write blog“ ab*

Nummer Einundvierzig

Es ist sonnig, warm und ganz allgemein schönes Wetter. Wunderbarerweise ist heute Forest School, ich kann das schöne Wetter also den ganzen Tag über genießen.

Das einzige Problem dabei ist, dass mein sonst geradezu kriminell entspannter Mittwoch (schließlich muss ich die Kinder während Forest School nicht beaufsichtigen, arbeite also nur gut drei Stunden) heute etwas weniger entspannt sein wird, da sich die Sechsjährige gestern in der Schule den Knöchel verstaucht hat und ich deswegen bei ihr bleiben muss, wenn die anderen Kinder etwas machen, für das sie sich viel bewegen müssen. Dass sie sich verletzt hat, ist uns erst abends aufgefallen. Die Schule hat kein Wort verlauten lassen, also habe ich angenommen, dass sie sich ein bisschen am Knöchel weh getan hat, aber nichts Gravierendes passiert ist. Besonders, da sie sich zwar über Schmerzen beschwert hat, aber weder lautstark noch hartnäckig. Sie hat kurz verlauten lassen, dass es es ein bisschen weh tut, und dann war es gut. Erst als wir uns abends den Knöchel angeguckt haben, war klar, dass solch eine Schwellung nicht nur ein kleines Wehwehchen ist, sondern, hätte sie eine Möglichkeit, von sich hören zu lassen, lautstark nach einer ärztlichen Meinung verlangen würde. Die Gastmutter ist also mit ihr zum Krankenhaus gefahren, während ich mit dem Neunjährigen zu Hause geblieben bin. Da die andere Gastmutter eigentlich nicht geplant hatte, früh nach Hause zu kommen, der Neunjährige aber darauf vorbereitet werden muss, dass ihn jemand Anderes ins Bett bringt, war der Deal, dass ich ihn bettfertig mache, die Gastmutter dann aber den Einschlafprozess einleitet. Dank seiner Sturheit und unzuverlässigen Zugverbindungen lief es darauf hinaus, dass er von 21 Uhr bis bestimmt 22.30 Uhr in der Badewanne saß und wir uns über die absurdesten Themen unterhalten haben. Es begann damit, wie wir einen aus dem Zoo entflohenen Tiger töten würden. Seine Ideen wurden immer monströser, bis er dann letztendlich die gesamte US Army auffahren ließ. Danach fragte er mich, wie ich einen Bären töten würde. Seine Idee war, die gesamte Menschheit auf eine Raumstation zu verfrachten und dann, ich zitiere „and then I will destroy the whole world and we can start a new one“. Nach einer kurzen Pause und etwas dramatischer, ohne eine Miene zu verziehen, legt er nach: „without bears.“

Irgendwann haben wir uns dann darauf geeinigt, dass er aus dem Bad kommt, ich aber ein Foto von seinen vom Wasser schrumpeligen Händen mache.

Ich hoffe sehr, dass die Kinder heute früh ins Bett gehen, denn ich bezweifle, dass sie letzte Nacht mehr als sieben Stunden Schlaf bekommen haben. Dementsprechend angenehm wird wohl auch mein heutiger Arbeitstag werden. Aber mal sehen, vielleicht habe ich ja Glück.

Am Samstag fand das Annual General Meeting des Quidditchvereins statt, bei dem wir die Posten im Komitee neu besetzt haben. Das Ganze war natürlich höchst professionell, wie es sich für das fünftbeste Quidditchteam des Landes ziemt: Im Park mit Papierzetteln, wie im Schülerrat. Und dann danach Abendessen in Five Guys, in dem mein neu gefundener Vegetarismus auf eine harte Probe gestellt wurde, denn die Auswahl an nicht-fleischhaltigen Gerichten ist eher unerheblich.

Ich hoffe, ich habe nächste Woche eine Geschichte zu erzählen, denn mein Wochenende wird mal wieder hauptsächlich aus Quidditch bestehen. Sollte sich nichts ergeben, muss ich also irgendetwas aus meinem sehr erschöpflichen Schatz an Au-Pair-spezifischen Erfahrungen graben. Bis dahin.

Nummer Vierzig

Das letzte Mal, dass sich die erste Ziffer der titelgebenden Zahl ändert. Da würde man eigentlich erwarten, dass sich das Londoner Wetter ein bisschen Mühe gibt. Aber nein: Es ist grau, trüb und, wie eigentlich immer, nicht mehr lang bis zum nächsten Schauer. Augenscheinlich, zumindest.

Ich habe, wider Erwarten, am Donnerstag das Viertel verlassen und mich auf den Weg in Richtung Kew Gardens begeben. Es war zwar Regen angekündigt, aber ich wusste, dass ich in Zukunft wenige Gelegenheiten bekommen werde, einen ganzen Tag genau nach meinen Vorstellungen zu gestalten und der botanische Garten musste noch von der Liste gestrichen werden. Es hat sich natürlich absolut gelohnt. Ich stand gut einen Meter von einem Pfau entfernt, habe auf der Gallerie eines riesigen Gewächshauses gestanden und eine Unzahl wunderschöner Pflanzen betrachtet. Ich habe Hummeln beobachtet, bin durch Rhododendren spaziert und habe einen Enterich einen unfassbar langen Stock zu seinem Haufen grüner Wasserpflanzen schleppen sehen. Ich bin natürlich da geblieben, um herauszufinden, was er damit vorhatte. Das wusste er wohl aber auch nicht, hat ihn also daraufhin ignoriert und sich geputzt. Ich kann es ihm nicht verübeln.
Ein anderes Gewächshaus beherbergte Räume, die regelmäßig künstlich beregnet wurden. In einem dieser Räume waren ausschließlich fleischfressende Pflanzen, die ich vorher noch nie in der nicht-virtuellen Wirklichkeit gesehen hatte. Es gab Mini-Ananasse (Anananten? Anani?) und Riesen-Seerosen. Außerdem einen wunderschön angelegten japanischen Garten und Schrein. Egal wo man entlang geht, es gibt immer etwas Schönes oder Beeindruckendes zu sehen. Die Gärten sind vielleicht nicht direkt ein Geheimtipp, aber nichtsdestotrotz unbedingt einen Besuch wert.

Am Samstag war ich bei den Abbey Road Studios, die genau so unspektakulär sind, wie ich sie mir vorgestellt habe. Das Beste waren eigentlich die Touristen, die für ein Foto auf dem berühmten Zebrastreifen abgewartet haben bis kein Auto in der Nähe war, auf die Straße gesprintet sind, für ein Foto posiert haben und so schnell wie möglich die Straße wieder verlassen haben. Da lohnen sich die £2,70 doch, die man für die Reise dorthin bezahlt.

Ich habe außerdem endlich mal ein Stück in Shakespeares Globe Theatre gesehen: Die zwei noblen Vettern, das einzige Stück Shakespeares, das weder für Fernsehen noch Kino adaptiert wurde. Es hat durchaus Spaß gemacht, den Schauspielern beim Schauspielern zuzusehen, zudem in die Aufführung Lieder und Tänze eingewoben waren, von denen ich mir sicher bin, dass Shakespeare sie nicht geschrieben hat. Nichts gegen Shakespeare natürlich, auch wenn ich jedes Mal gute 30 Minuten brauche bis ich die Sprache verlässlich verstehe und so der Geschichte folgen kann. Demnächst werde ich auch in Hamlet gehen, womit mir nur noch Romeo und Julia von seinen sehr bekannten Stücken fehlt. Mal sehen, ob ich das auch noch abhaken kann.

Der Sonntag wurde mit dem Besuch eines Comedy Clubs in Angel gefüllt, in dem eine Art Comedy-Musik-Podcast-Hybrid aufgenommen wurde. Das Ganze lief für 90 Minuten, was auch absolut ausreichend war, denn ansonsten wäre ich vor Erschöpfung vom Stuhl gefallen. Wer hätte gedacht, dass Lachen so anstrengend sein kann? Außerdem habe ich jetzt eine großartige Rollstuhlgeschichte, die ich erzählen kann, sollte sich mal unangenehmes Schweigen in diesem Blog oder einer echten Konversation breitmachen

Dieses Wochenende wird für den neuen Kapitän des Quidditchteams abgestimmt. Was abgesehen davon passiert, weiß ich noch nicht. Aber irgendwas sollte sich schon ergeben. Und wenn nicht, habe ich eine Liste, die noch abgearbeitet werden muss. Es sind jetzt noch weniger als zwei Monate übrig. Die muss ich nutzen.

Nummer Neununddreißig

Es ist warm. Gleichzeitig sieht es draußen so aus, als könnte es jeden Moment losregnen. Ich bin also in diesem Limbo zwischen „Eigentlich könnte ich rausgehen“ und „Sobald ich das Haus verlasse, wird es anfangen zu regnen“ gefangen. Abgesehen davon, dass ich das Haus natürlich bereits verlassen habe, um ins Café zu gehen, und ich mich auch erneut nach Draußen wagen werde, um in heimische Gefilde zurückzukehren. Was ich meine, ist, dass es, sobald ich einen Spaziergang beginne, regnen wird.

Das Jazz-Poetry-Event am Freitag war fantastisch. Das Wetter war großartig, Kings Cross einfach ein schönes Viertel und am Kanal zu stehen, während auf einer schwimmenden Bibliothek abwechselnd Musiker und Dichter stehen, genau der Grund, warum ich diese Stadt eigentlich nie verlassen will. Die Auswahl an Dichtern war ebenso beeindruckend wie die unfassbar talentierten Musiker. Einer der Künstler war, wie er sich selbst beschreibt, revolutionärer Kommunist oder kommunistischer Revoluzzer, je nachdem. Er hat ein unglaubliches Gedicht darüber geschrieben, wie die Revolution mit einem selbst beginnt und man zuerst so weit wie irgend möglich die Ideale der Revolution in sich selbst verwirklichen muss, bevor man sie in die Welt tragen kann.

Der Jazz war mindestens ebenso interessant. Das Erste, das ich gehört habe, war ein recht alter Sikh mit unfassbarem Stimmumfang, der zusammen mit einer kleinen Frau mit einer großen Bluesgitarre und einer großen Weinflasche, einem Saxophonisten, einem Percussionisten und einem Bassiten, der die ganze Zeit über Fratzen gezogen hat, Blues improvisiert hat. Später gab es einen bärtigen, kleinen, unfassbar bunt gekleideten Waliser, der sich den Namen World Wide Welshman gegeben hat. Er hat Jazz gespielt, aber dazu Texte gesungen, die man eher in einem Comedy Club als auf einem Bücherboot erwarten würde. Eines seiner Lieder handelte davon, wie er auf einem Festival andauernd nach Drogen gefragt wurde, weil er bunte Kleidung trägt. Ein Anderes war improvisiert: Das Thema des Stückes war, das Publikum dazu zu ermuntern, in den Kanal zu springen. Es bestand aus folgenden Versen:

Jump in the canal
Jump in the canal
(no, don’t, it’s really dirty)

Ich hatte Spaß.

Das Gute daran, allein zu Hause zu sein, ist, dass ich abends den Fernseher unten benutzen kann. Ich konnte also sowohl das Champions League Finale als auch die ersten beiden Folgen von A Very English Scandal (mit Hugh Grant! Es ist großartig!) auf dem großen Bildschirm gucken, während ich langsam aber sicher das Eis aus dem Gefrierfach dezimiere – immerhin wurde mir gesagt, dass ich mich aus Gefrierfach und Kühlschrank bedienen könne.

Der einzige Tag, an dem ich Honor Oak Park bisher verlassen habe, war gestern. Gestern war natürlich auch gleichzeitig der einzige Tag, an dem kein großartiges Wetter war. Aber ich brauchte ein neues Buch. Und wenn ich nicht weiß, welches Buch das ist, gehe ich in Libreria, den nach Thema sortierten Buchladen in Whitechapel. Ich bin jetzt also stolzer, durchnässter Besitzer einer Sammlung von Geschichten aus dem Leben des Physikers Richard P. Feynman, von dem ich vorher noch nie gehört habe, der aber unfassbar viele hanebüchene Dinge erlebt hat. Das Buch heißt You must be joking, Mr. Feynman!  und ist absolut empfehlenswert. Ich empfehle es also.

Nummer Achtunddreißig

Bewölkt, sonnig, wieder bewölkt. Andauernd. Dementsprechend auch kühl, warm, wieder kühl. Niemand weiß, was genau er oder sie heute anziehen soll und niemand macht es richtig, denn laut Wettervorhersage sollte es am Nachmittag wie aus Eimern schütten, aber, wie das in England so ist, es bleibt gräulich und trocken. Wobei sich das in den nächsten zehn Minuten auch wieder ändern kann.

Ich hatte zwar letzte Woche angekündigt, mit meiner Mutter und meinem kleinen Bruder weniger offensichtliche Orte als bei ihrem letzten Besuch anzusehen, muss aber leider berichten, dass das meiste, was wir gemacht haben, recht durchschnittliches Touristenverhalten war: British Museum, Docklands Museum of London, Maritime Museum. Die Beiden kamen aber auch in den Genuss, ein Quidditchtraining zu sehen.

Das wurde diese Woche sogar von ausgebildeten Trainern geleitet, die zwei der besten Quidditchclubs Großbritanniens angehören – obwohl die Unspeakables natürlich von dieser Beschreibung nicht weit entfernt sind. Das Coaching-Programm konzentriert sich darauf, nicht-männliche Spieler besser ins Mannschaftsspiel einzubinden, denn diese werden oft weniger oft angespielt oder mit weniger Verantwortung versehen als ihre männlichen Teamkollegen. Dazu haben wir grundlegende Fähigkeiten geübt, die wiederum variiert wurden. Beim Werfen beispielsweise einen genaueren, weniger kraftvollen Wurf als den normalen Überkopfwurf. Das war ausgesprochen nützlich, denn meine Genauigkeit beim Werfen eigentlich einfacher Tore ist nicht besonders gut, woran ich jetzt also anders arbeiten kann.

Weder das British Museum noch das Docklands Museum haben meinem Bruder besonders gefallen, was ich durchaus nachvollziehen kann. Mit 10 wäre mir das auch ein bisschen zu trocken gewesen. Glücklicherweise hat ihm der Bootssimulator im Maritime Museum in Greenwich gefallen. Und natürlich das Brettspielcafé am Montag.

Wie immer, wenn mich Freunde oder Familie aus Deutschland besuchen, war das verlängerte Wochenende sehr anstrengend, da ich den ganzen Tag mit ihnen unterwegs war und so nicht wirklich Zeit für mich hatte. Natürlich freut es mich, wenn ich mit Anderen durch London laufen kann, aber meine Introversion kann ich dann natürlich nicht ausleben. Ich denke, dass das eine der wichtigsten Erkenntnisse meines Jahres hier ist: Ich brauche Zeit für mich, so klischeehaft das auch klingt. Ich brauche Zeit, um Podcasts zu hören, zu lesen oder einfach auf einer Parkbank zu sitzen und in mein Notizbuch zu kritzeln. Und zum ersten Mal bin ich in der Lage, das auch wirklich zu tun. In der Schule war ich schließlich gezwungen, acht Stunden lang mit anderen Leuten zu sein. Das war natürlich meistens mit Menschen, die ich mochte. Aber nichtsdestotrotz ist der Unterschied, den ich in meiner Erschöpfung merke, wenn ich den ganzen Tag mit Freunden und Familie zu tun hatte und wenn ich Pausen zwischen sozialen Kontakten hatte, immens.
Das heißt natürlich nicht, dass ich hier vereinsame. Ich mag meine Freunde hier sehr und genieße es, um sie herum zu sein. Aber ich brauche diese Dreiviertelstunden im Bus oder in der Bahn, damit ich mich erholen kann – „erholen“ in seiner neutralsten Bedeutung. Dafür ist die extreme Anonymität in einer Stadt wie London ausgesprochen nützlich. Das ist also etwas, das ich in der etwas weniger geschützten Umgebung eines Studentenlebens beachten kann und nicht erst schmerzlich lernen muss.

Dieses Wochenende habe ich ausnahmsweise mal wenig vor. Zwar werde ich am Freitag zu einem Jazz-Poetry-Event in einer schwimmenden Bibliothek gehen, abgesehen davon ist aber noch nichts geplant. Die gesamte nächste Woche sind außerdem Ferien, da kann ich mir also auch noch was vornehmen. Was das werden wird, weiß ich noch nicht. Aber irgendwas wird sich schon ergeben. Immerhin ist das hier London.

Nummer Siebenunddreißig

Grauer Himmel, vereinzelt Regen, um die 15 Grad. Ich hoffe sehr, dass die Regenwahrscheinlichkeit bis zum Nachmittag sinkt, denn ansonsten wollen die Kinder bestimmt wieder nicht zur Forest School gehen und ich bin der Böse, wenn ich sie trotzdem hinbringe. Das ist ja auch irgendwie der Punkt der Aktion: Zu lernen, dass man durchaus auch bei schlechtem Wetter draußen Spaß haben kann. Aber mal sehen. Ist ja noch nicht passiert. Außerdem habe ich immer noch die bewährte Argumentationsmethode namens „Dann könnt ihr aber auch kein Eis vom Eiswagen im Park haben.“

Ich habe es am Freitag endlich mal geschafft, durch das alte Hafenviertel zu laufen, die Docklands. Die wurden, seitdem London als Hafen wegen unzureichender Wassertiefe obsolet wurde, in ein beeindruckendes Gemisch aus Banken- und Wohnviertel umgewandelt. Canary Wharf macht als Finanzstandort der City of London Konkurrenz und auf meinem Spaziergang von den Island Gardens bis hoch nach Canary Wharf habe ich eine Vielzahl von Wohnungen, also von vornehm-am-Wasser bis zu Plattenbauten-umgeben-von-Plattenbauten, gesehen. Die ganze Gegend ist dank der Diversität der Gebäude sehr interessant und, weil sich Kanäle überall durchziehen, wunderschön. Immer, wenn ich diese vom Zufall geleiteten Spaziergänge mache, verliebe ich mich weiter in diese Stadt. Da ich jetzt nur noch gute zweieinhalb Monate hier verbringen werde, betrachte ich London wieder mit den gleichen Augen wie am Anfang: Neugier und Staunen, dass ich wirklich hier lebe.

Samstag war natürlich Quidditch, perfekt zusammenfallend mit dem ersten Regentag seit Wochen. Auf meiner Liste der präferierten Wetterkombinationen von letzter Woche fehlte noch „nass und warm“, das ich hiermit zwischen „trocken und kalt“ und „trocken und warm“ einordnen möchte. Wobei sich das das nächste Mal, wenn ich am Spielfeldrand stehe und auf meine Einwechslung warte während es mir auf dem Kopf schüttet, bestimmt wieder ändert.

Das Theaterstück war beeindruckend. Es ging um eine Mutter, ihren Sohn, ihre Tochter und den besten Freund des Sohnes, der wegen Körperverletzung unter Alkoholeinfluss für ein Jahr im Gefängnis war und jetzt zu der Farm zurückkehrt, die für ihn jahrelang ein Zuhause war. In diesem Jahr ist der Vater der beiden Kinder – beide Ende 20 – gestorben, was die Mutter wiederum nicht gut verkraftet hat. Die ganze Geschichte dreht sich darum, wie die Mutter verhindern will, dass ihre Kinder die Farm verlassen und ihr eigenes Leben leben. Dass dem so ist, wird aber erst im Laufe des Stückes klar, in dem die Mutter vom trauernden Opfer des Zufalls zur manipulativen Egoistin wird, nicht durch Charakterentwicklung, sondern durch einen schleichenden Wechsel der Perspektive zu der der Kinder und wie sie ihre Mutter wahrnehmen. Im ganzen Stück sind nur diese vier Personen aufgetreten und auch immer auf der Farm auf einem kleinen Stück vor dem Haus, das nur am Rand der Kulisse zu sehen war. Wie die Charaktere zueinander standen, war immer an ihrer Bewegung in dieser sehr begrenzten Vorgarten-Kulisse zu sehen. Langsam aber sicher sind immer mehr Lügen und Geheimnisse ans Licht gekommen, die immer und immer wieder ein anderes Licht auf die Protagonisten warfen. Ich habe das Stück sehr genossen, wie der geneigte Leser an dieser genau so langen wie dilettantischen Beschreibung bestimmt erkennen kann.

Abgesehen davon habe ich außerdem einen Job als Copy Editor bei der Quidditch Post, dem größten Quidditch-Blog, bekommen. Ich bin also einer derjenigen, die für das Korrekturlesen und Fakten-Überprüfen verantwortlich sind, was bestimmt gut auf meinem Lebenslauf aussehen wird.

Am Wochenende kommen meine Mutter und mein kleiner Bruder wieder vorbei. Dieses Mal kenne ich die Stadt ein bisschen besser, sollte also in der Lage sein, weniger offensichtliche Orte zu besuchen. Mal sehen, was ich nächste Woche davon zu berichten habe.